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Das Kreuz mit der Kunst

Philipp Müller Meier sprach am letzten Creative Morning im Cabaret Voltaire über das Kunstprojekt MacGhillie. Ich meinerseits war dort mit der Absicht, was darüber zu schreiben. Aber dann verliess ich den Ort mit etwas, was mich seitdem weit mehr beschäftigt.

«Museen und Theater haben heute keinerlei gesellschaftliche Bedeutung mehr. Sie sind nichts weiter als geistige Wellnesstempel», sagt Philipp Müller Meier da vorne auf der Bühne im Veranstaltungsraum des Cabaret Voltaire im Niederdorf. Ein catchy Satz für einen Tweet, denn auch mehrmals erschienen. Und kurz darauf: «Bis heute hängt man in Museen Bilder an die Wand und wartet darauf, dass die Leute kommen und sich das anschauen. Das ist absurd!» Ähnliches gilt für Konzerthäuser und kulturelle Veranstaltungen generell: Kultur wird dargereicht, das Publikum darf erscheinen (oder auch nicht).

Auf den ersten Blick erschien mir das irgendwie plausibel. Ja, müsste Kunst nicht einen anderen Anspruch haben, als hinter verschlossenen Türen konserviert zu werden, auf dass man sich erbarme und sie irgendwann nach Gutdünken konsumiere (einfach mal ungeachtet jener, die unwillig zum Konsum gezwungen werden – pubertierende Untergymnasialklassen zum Beispiel)? Müller Meier erläuterte daraufhin seine Definition des Kunstbegriffs: Etwas ist Kunst, wenn es einen Eingriff in den Alltag des Betrachters oder des Erfahrenden vornimmt, ihn merklich beeinflusst. Er erklärt weiter, dass auch an seinen Wänden Bilder hingen. Aber dass er das nicht als Kunst, sondern als Design klassifiziert – ‘schöne Dinge’ alleine genügen seinem Kunstbegriff nicht. Als Beispiel für einen Eingriff in seinen Alltag führt er  daraufhin die Möglichkeit an, ein Künstler entschlösse sich, sein Bett um 10 cm anzuheben. Dies würde seinen Alltag merklich verändern.

Alltag oder nicht ist, was man daraus macht

Beide Beispiele leuchten mir ein, bringen aber neue Definitionsprobleme mit sich. Hängt an Bild an einer Wand, das den Betrachter auch bei wiederholtem Ansehen beeindruckt, berührt, meinetwegen verstört, ist das Kriterium des Eingriffs in den gewohnten Alltag meines Erachtens nach erfüllt. Selbst wenn das Werk an einer Museumswand hängt und dort gesehen wird. Andererseits gewöhnt sich der Mensch schnell an Dinge – die 10 cm zusätzliche Betthöhe werden schon nach wenigen Tagen vergessen sein, weil sich der Bewegungsablauf den veränderten Gegebenheiten anpasst. Ist diese Massnahme – initial als künstlerische Handlung akezptiert – dann immer noch von Wert? Ich kann mir nicht helfen, aber für mich funktioniert dieser Ansatz nicht.

Die nächste Idee war: Hat die Qualifikation eines Werks als Kunst vielleicht etwas damit zu tun, welcher Grad an Anstrengung oder Schwierigkeiten sie ihrem Schöpfer abverlangt hat? Könnte das «künstlerische Leiden» (Nonsense? Ach, was weiss ich denn davon?) ein Kriterium dafür sein? Wäre dann die Kunst eines politisch verfolgten Literaten mehr wert als jene eines anderen, der vergleichbares verfasst, aber keinerlei Repressalien zu befürchten hat? Ein Künstler könnte mit einer besonderen Begabung mühelos Grossartiges erschaffen, während ein anderer tatsächlich immense Anstrengungen unternehmen muss, um zu einem ähnlichen Resultat zu kommen. Ersteres wäre dann nicht als Kunst zu klassifizieren. Und all diese Beispiele decken ja nur Bruchteile von dem ab, was ein Künstler erschaffen kann. Nein, das überzeugt mich nicht.

Das ist es alles nicht (irgendwie)

Ich habe freilich keinerlei handfeste Qualifikation, mich über die Definition von Kunst auszulassen. Vielleicht ist genau das der Grund, warum mir das keine Ruhe lässt. Mein persönliches Problem damit jedoch ist folgendes: Ist der Kunstbegriff an sich denn nicht vollkommen relativ? Die Werke zahlreicher klassischer Komponisten wurden zu ihrer Zeit in erster Linie als pure Unterhaltung konsumiert. Kann ich mich deswegen heute hinstellen und behaupten, dass Beethoven kein Künstler war? Das wäre nach meinem persönlichen Empfinden eine Lüge und eine Beleidigung. Manche Menschen betrachten stundenlang und mit Freude Bilder von Albert Anker, ich nun aber eher nicht. Andere lieben modernes Ballett, womit wiederum Dritte nicht das Geringste anfangen können.

Nun gut, am Ende habe ich doch nochmals nachgeschlagen. Wikipedia sagt:

Das Wort Kunst bezeichnet im weitesten Sinne jede entwickelte Tätigkeit, die auf Wissen, Übung, Wahrnehmung, Vorstellung und Intuition gegründet ist (Heilkunst, Kunst der freien Rede). Im engeren Sinne werden damit Ergebnisse gezielter menschlicher Tätigkeit benannt, die nicht eindeutig durch Funktionen festgelegt sind. Kunst ist ein menschliches Kulturprodukt, das Ergebnis eines kreativen Prozesses.

Das kann nun freilich alles und gleichzeitig nichts sein. Aber ich persönlich glaube, dass es genau das ist. Und dass nicht nur Schönheit, sondern eben auch Kunst und ihr jeweiliger Wert im Auge des Betrachters liegt. Das mag kein sonderlich beeindruckendes Fazit sein. Aber das einzige, worauf ich mich mit mir selber einigen konnte.

Update vom 9. März 2012 – sorry Philipp für den freudschen Verschreiber /-denker mit dem Namen. Und dafür, dass mich erst ein Kommentator darauf hinweisen musste. Soll nicht wieder vorkommen.

Update vom 28. Februar 2012 – hier das versprochene Video vom Creative Morning, wie immer by redsmoke.ch: